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2010
Webfontday 2010
Brechend voll war die Halle 27 in den Räumlichkeiten von Kochan & Partner an diesem sonnigen Samstag in München. Grund hierfür war der Webfontday 2010, welcher zum ersten Mal an diesem 13. November 2010 ausgerufen wurde und sich um ein aktuell viel diskutiertes Thema des Webdesigns drehte — Schriften im Web.
Was zunächst etwas banal klingt, ist bei genauerer Betrachtung doch eine Thematik, welche (Web-)Designer nun fast seit Beginn des Internets beschäftigt. Standen bisher für Webseiten lediglich Standardschriften wie Arial, Verdana oder Georgia zur Verfügung, kam durch die Standardisierung und breitere Unterstützung von eingebetteten Schriften Bewegung ins Webdesign. Kein Wunder also, dass geschätzte 250 Teilnehmer genauer wissen wollten, »wie das jetzt ist mit den Schriften im Web«.
Begrüßung und Keynote
Los ging’s mit der Begrüßung durch Boris Kochan, Vorsitzender der Typographischen Gesellschaft München, welche Initiator und Veranstalter des Webfontdays ist. Hier sorgten hauptsächlich die Kommentare an der Twitterwall für Aufregung und Belustigung. Nachdem das Publikum sich wieder beruhigt hatte, führte uns Fred Smeijers mit seiner Keynote zurück in die Vergangenheit und lieferte eine leicht verdauliche Einführung durch die Geschichte der Schriften am Bildschirm. Angefangen von Eadweard Muybridges Experimenten zur Bewegungsfotografie und der sich auftuenden Industrie des Kinos im 19. Jahrhundert, über die Etablierung des DTP und die Anfänge der Pixelfonts, bis zum heutigen Stand der Technik bezüglich Schriftdarstellung auf elektronischen Geräten. Schöner Einstieg, machte Lust auf mehr!
Kampf der Webfont Formate und Webfonts in der Praxis
Nahtlos knüpfte der Vortrag von Ralf Herrmann an, der einen technischen Überblick über den Kampf der Webfont-Formate gab. Wir erfuhren, dass bereits 1998 die @font-face-Regel in CSS2 eingeführt wurde und seit jeher von Microsofts Internet Explorer unterstützt wird. Das von Microsoft eingesetzte EOT-Format für Schriften im Web fand jedoch kaum Beachtung und somit geriet auch die @font-face-Regel beinahe in Vergessung. Sie wurde offiziell sogar wieder aus dem CSS-Regelwerk gestrichen. Dank Apples Browser Safari 3.1 erlebte die Schrifteinbettung 2008 jedoch ein Revival und auch andere Browserhersteller zogen kurze Zeit später nach. Heute unterstützen fast alle Browser @font-face, was Designern im Web völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Gestritten wird oder wurde bis vor kurzem nur noch um das Format. Abzusehen ist aber, dass sich das sogenannte »Web Open Font Format« (WOFF) auf breiter Basis durchsetzen wird, beziehungsweise bereits durchgesetzt hat.
Webfonts erfordern ein neues Webdesign-Paradigma, also ein neues Verständnis dafür, Webseiten zu gestalten.
In der folgenden und ersten von insgesamt drei Kaffeepausen dann jedoch ein ungewohntes Bild: Schlange am Herren-WC und freie Fahrt für die Damen. Zu Verdanken hatten wir dies vermutlich dem durchaus genießbaren Kaffee und einem deutlichen Männerüberschuss im Publikum. Was folgte ist ein recht kurzweiliger Vortrag von Gerrit van Aaken, der uns einen visuellen Überblick über »Webfonts in the wild«, also Webschriften im Einsatz gab und dabei die Unterschiede zwischen »klassischem« und »modernem« Webdesign erläuterte. Sein Fazit: Webfonts erfordern ein neues Webdesign-Paradigma, also ein neues Verständnis dafür, Webseiten zu gestalten. Und umgekehrt: Ein neues Webdesign-Paradigma erfordert Webfonts. Wohl war!
Spielereien, Lizenzen und die Rettung
Lustig ging es weiter, denn Erik van Blokland zeigte uns nette Spielereien mit CSS und Webfonts. Die (dank CSS-Eigenschaft -moz-font-feature-settings) hüpfende Schrift namens »Popcorn« (Demo hier) erinnerte irgendwie dann doch sehr an die Anfänge des Webdesigns mit seinen animierten GIF-Bildchen und Marquee-Texten und sorgte auch in der anschließenden Kaffeepause noch für Belustigung und den ein oder anderen Kalauer. Was folgte ist ein weitaus ernsterer Praxisbericht von Olaf Nies, der uns den (gescheiterten) Versuch erläuterte, eine bestehende Webseite mit Hilfe von Webfonts auf Vordermann zu bringen. Gescheitert deswegen, weil die Darstellungsqualität der eingesetzten Schrift je nach Browser und Betriebssystem einfach nicht akzeptabel war. Dies veranschaulichte und belegte auch die oben erwähnte These seines Vorredners Gerrit van Aaken, dass Webfonts eben auch ein Umdenken im Webdesign erfordern.
Zum Glück kam dann Tim Ahrens, der mit seinem Vortrag »Webfonts unter der Lupe« den abflachenden Webfontday rettete und die Messlatte wieder deutlich nach oben legte.
Es folgten Vorträge über Googles WebFont Directory, Lizenzmodelle für Webfonts sowie ein Rückblick über ein Jahr Typekit. Allesamt Vorträge die leider mehr Werbeveranstaltungen glichen und sonst keine neuen Erkenntnisse brachten — im Gegenteil, das Thema WOFF & Co. wurde leider immer wieder als Einführung zu den eigentlichen Themen wiederholt. Schade, hier hätte man sich inhaltlich besser abstimmen können! Für Aufmunterung sorgte der Beamer, welcher partout nicht mit Ivo Grabowitschs MacBook kommunizieren wollte. Ivo Grabowitsch konnte dies aber mit seiner sympathischen Art locker überspielen und sorgte so zumindest für etwas Abwechslung in dieser Phase.
Zum Glück kam dann Tim Ahrens, der mit seinem Vortrag »Webfonts unter der Lupe« den abflachenden Webfontday rettete und die Messlatte wieder deutlich nach oben legte. So gab er uns einen wirklich interessanten Einblick in die Entwicklung, Gestaltung und vor allem den Aufbau von Fonts, brachte uns das für die Darstellungsqualität so wichtige »Hinting« näher und erläuterte auf anschauliche Art und Weise die teils großen Unterschiede in der Darstellung von Schriften je nach eingesetzter Technik (Graustufen- oder Subpixel-Rendering) und Systemumgebung. Bleibt die Hoffnung, so Tim Ahrens, dass spätestens zum Webfontday 2012 der Internet Explorer 6 und Windows XP ausgestorben sind und man sich dann über andere (wichtigere) Dinge als über schlechte Kantenglättung von Schriften unterhalten kann. Erster Lichtblick: Der bald erscheinende Firefox 4 unterstützt unter anderem DirectWrite und bietet damit auf Windows-Systemen eine verbesserte Darstellungsqualität. Wir sind gespannt!
Amüsanter Ausblick und Schlusswort durch Gerard Unger
Einen recht erfrischenden und amüsanten Abschluss machte der bekannte Grafik- und Schriftgestalter Gerard Unger, der uns mit seinem, von ihm wörtlich so bezeichneten »Rudi-Carell-Deutsch«, ein Fazit und einen Ausblick von einer etwas weniger technischen Seite gab. Der Umstand, so Unger, dass 2010 nach Untersuchungen zum ersten Mal mehr vom Bildschirm als vom Papier gelesen wurde, bedeute für Designer und Typographen eine Umorientierung. In Zukunft werden sie in erster Linie für den Bildschirm gestalten und weniger fürs Papier. Er mahnte jedoch den fortschreitenden Verlust von Vielfalt in der (Schrift-)Gestaltung und den damit verbundenen Verlust an Orientierung für den Betrachter/Benutzer/Leser an. Amüsiert hat Gerard Unger uns mit seinen Anekdoten aus seiner Studienzeit sowie vor allem mit seinem unterschwelligen, niederländisch trockenem Humor. Danke Gerard, auch für Deinen Appell an das Publikum: Neue Richtungen suchen und sich von der Masse abheben! Ein schönes Schlusswort, wie ich finde.
Fazit
Durchweg gut organisiert präsentierte sich der erste Webfontday als ernst zu nehmende Veranstaltung, welche hoffentlich nächstes Jahr ihre Fortsetzung findet. Ein großes Lob hierfür also an den Veranstalter und die Helfer. Trotzdem bleibt zu bemängeln, dass inhaltlich kaum Neues oder Überraschendes geboten wurde — zumindest für Webdesigner die sich schon mal mit dem Thema Webfonts beschäftigt haben. Allen anderen, für die das Thema bisher Neuland war, vermittelte der Webfontday jedoch einen sehr guten Überblick zu dieser insgesamt doch recht komplexen Thematik. Und sollte der Webfontday dazu beigetragen haben, die Typografie im Netz nach vorne zu bringen, so hat es sich allemal gelohnt! Wir bleiben also gespannt, was sich in nächster Zeit diesbezüglich für Entwicklungen ergeben und freuen uns auf den Webfontday im nächsten Jahr.
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